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Anleitung · Praxis

SIS ausfüllen: Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Beispielen

Fünf Schritte, ein Fallbeispiel und die Stellen, an denen es in der Praxis hakt. So entsteht aus einem vierzigminütigen Gespräch eine SIS, die trägt.

Fachredaktion Pflegeplan KIAktualisiert am 04.09.2026 9 Min. Lesezeit

Die SIS füllen Sie in fünf Schritten aus: das Gespräch vorbereiten (die allgemeinen Angaben bilden Feld A), die Sichtweise der pflegebedürftigen Person im O-Ton festhalten (Feld B), die sechs Themenfelder fachlich einschätzen (Feld C1), die pflegesensitiven Risiken in der Matrix bewerten (Feld C2) und daraus den Maßnahmenplan ableiten. Weniger die Reihenfolge entscheidet als die Haltung: individuell formulieren, Fähigkeiten vor Defizite stellen und nur dokumentieren, was für die Pflege relevant ist.

Der Weg durch die SIS im Überblick

Schaubild: SIS ausfüllen in fünf Schritten – Vorbereiten mit Stammdaten in Feld A, Eingangsfrage im O-Ton in Feld B, sechs Themenfelder einschätzen in Feld C1, Risikomatrix ausfüllen in Feld C2, Maßnahmenplan ableiten
Der Weg durch die SIS: von der Vorbereitung über die Felder A, B, C1 und C2 bis zum Maßnahmenplan.
  1. 1

    Vorbereiten

    Stammdaten, Diagnosen, Medikation und Befunde zusammentragen; ein ruhiges Gespräch ermöglichen (Feld A).

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    Feld B – die Eingangsfrage

    Die Sichtweise der Person wörtlich festhalten, ohne sie in Fachsprache zu übersetzen.

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    Feld C1 – sechs Themenfelder

    Den pflegefachlichen Ist-Stand je Themenfeld stichpunktartig und fähigkeitsorientiert beschreiben.

  4. 4

    Feld C2 – Risikomatrix

    Je Risiko fachlich entscheiden: Hinweise ja oder nein? Weitere Einschätzung nötig?

  5. 5

    Maßnahmenplan ableiten

    Aus Themenfeldern, Matrix und Wünschen konkrete, überprüfbare Maßnahmen entwickeln.

Schritt 1: Das Gespräch vorbereiten

Sabine Lorenz hat den Entlassbrief des Krankenhauses gelesen, kennt die Medikation und weiß, dass die Tochter dabei sein möchte. Das ist Feld A im weiteren Sinn: die Fakten, die man nicht erfragen muss. Im Bogen selbst stehen dort nur Name, Geburtsdatum, Datum und Art des Gesprächs (Erst- oder Folgegespräch) sowie das Handzeichen der Pflegefachkraft.

Wichtiger als die Papiere ist die Atmosphäre. Die SIS lebt von der Perspektive der Person, nicht vom Abhaken einer Checkliste. Wenn jemand stark kognitiv eingeschränkt ist, darf das Gespräch stellvertretend mit Angehörigen oder Betreuern geführt werden – das wird dann im Bogen vermerkt. Zeitlich gilt als Orientierung: Die SIS sollte in der Regel sieben Tage nach Einzug oder Versorgungsbeginn abgeschlossen sein. Was in dieser Zeit noch unklar ist, klärt eine befristete Beobachtung.

Schritt 2: Feld B – zuhören und wörtlich festhalten

Was bewegt Sie im Augenblick? Was brauchen Sie? Was können wir für Sie tun?
— Eingangsfrage der SIS, Feld B (EinSTEP)

Frau Krüger antwortet nicht in Themenfeldern. Sie erzählt von der Treppe, die sie seit der Operation meidet, von ihrem Frühstück, das sie in Ruhe allein essen will, und davon, dass sie nachts lieber nichts trinkt, „damit ich nicht raus muss“. Sabine Lorenz schreibt mit – so nah am Wortlaut wie möglich.

Merksatz

Der letzte Satz ist Gold wert. Er erklärt das Trinkverhalten aus Sicht der Person – und gibt später der Maßnahme ihren Sinn: nicht „mehr trinken“, sondern „abends sicherer Weg zur Toilette, dann traut sie sich zu trinken“.

Fachliche Wertungen gehören nicht in Feld B. Wenn Frau Krüger sagt, sie brauche keine Hilfe beim Duschen, Sabine Lorenz das aber anders sieht, steht in Feld B die Aussage von Frau Krüger – und in Themenfeld 4 die Einschätzung der Fachkraft, mit dem Vermerk, dass die Person es anders sieht. So verlangen es die EinSTEP-Unterlagen: Abweichende Sichtweisen werden festgehalten, nicht überschrieben.

Schritt 3: Feld C1 – die sechs Themenfelder einschätzen

Jetzt sortiert Sabine Lorenz, was sie gehört und gesehen hat. Die Reihenfolge der Themenfelder ist im Gespräch frei; im Bogen bleibt sie fest. Drei Regeln aus den Schulungsunterlagen machen die Einträge lesbar: Stichpunkte statt ganzer Sätze, keine Namenswiederholung und Fähigkeiten vor Defiziten – mit Verben, die beschreiben, was die Person tut („geht mit Rollator“ statt „kann nicht mehr allein gehen“).

ThemenfeldEintrag bei Frau KrügerSignal für die Matrix
1 · Kognition/KommunikationZeitlich, örtlich und zur Person orientiert; versteht komplexe Sätze; schätzt eigene Grenzen realistisch ein.—
2 · MobilitätGeht in der Wohnung mit Rollator sicher; Treppe nur mit Begleitung; nachts Weg zur Toilette ohne Rollator, „hält sich an Möbeln fest“.Sturz
3 · Krankheitsbezogene AnforderungenHüft-TEP vor 3 Monaten; Schmerzmittel bei Bedarf, äußert Schmerz beim Aufstehen; Blutdruckmedikation morgens (richtet die Tochter).Schmerz
4 · SelbstversorgungWäscht Oberkörper am Waschbecken selbst, Duschen mit Hilfe (2× wöchentlich gewünscht); isst selbstständig; trinkt nach eigener Angabe unter einem Liter täglich; Toilettengang selbstständig.Ernährung/Flüssigkeit
5 · Soziale BeziehungenTochter kommt Di und Fr; Nachbarin sonntags zum Kaffee; Kirchenchor seit OP nicht mehr, „würde gern wieder“.—
6 · HaushaltsführungBereitet Frühstück und Abendbrot selbst zu; warme Mahlzeit über Essen auf Rädern; Wocheneinkauf und Wäsche übernimmt die Tochter.—
Feld C1 bei Frau Krüger: knapp, beobachtbar, mit klaren Hinweisen für die Risikomatrix. Themenfeld 6 heißt ambulant „Haushaltsführung“.

Alle sechs Themenfelder werden aktiv genutzt – auch wenn eines im Einzelfall wenig hergibt. Dann steht dort ein kurzer Vermerk, warum. Weitere Beispielsätze für jedes Themenfeld finden Sie in den SIS-Formulierungshilfen; die Besonderheiten von Themenfeld 6 im eigenen Beitrag.

Schritt 4: Feld C2 – die Risikomatrix

Erst wenn alle Themenfelder stehen, wendet sich Sabine Lorenz der Matrix zu. Die Spalten sind die pflegesensitiven Risiken Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz und Ernährung, dazu „Sonstiges“; die Zeilen sind die Themenfelder 1 bis 5. Je Risiko fragt sie sich: Gibt es in den Themenfeldern Hinweise darauf? Bei Frau Krüger lautet die Antwort dreimal ja – Sturz (Themenfeld 2), Schmerz (Themenfeld 3) und Ernährung (Themenfeld 4, Flüssigkeit). Beim Trinken kreuzt sie zusätzlich „weitere Einschätzung notwendig“ an: Ein Trinkprotokoll über eine Woche soll zeigen, wie viel es wirklich ist.

  1. Themenfeld 4

    „trinkt unter 1 l täglich“

  2. Matrix: Ernährung

    ja · weitere Einschätzung: ja

  3. Maßnahmenplan

    Trinkprotokoll bis 12.09., Getränke bereitstellen

Jeder Hinweis aus den Themenfeldern muss in der Matrix wieder auftauchen – und umgekehrt.

Die Matrix ist die fachliche Ersteinschätzung, kein Ersatz für die Beobachtung. Wie sie im Detail funktioniert, welche Varianten es beim Ausfüllen gibt und warum auch ein gut bewältigtes Phänomen mit „ja“ angekreuzt wird, steht in der Anleitung zur Risikomatrix.

Schritt 5: Den Maßnahmenplan ableiten

Aus den Themenfeldern, der Matrix und den Wünschen aus Feld B entstehen nun die Maßnahmen. Eine gute Maßnahme beantwortet die fünf W-Fragen: Wer macht was, wann, wie oft und warum? Bei Frau Krüger sieht der Unterschied zwischen einer Floskel und einer Maßnahme, die eine Kollegin auf der Tour umsetzen kann, so aus:

So nicht

Auf Sturzgefahr achten. Flüssigkeitszufuhr fördern.

So besser

Abendeinsatz: Rollator ans Bett stellen, Nachtlicht im Flur einschalten, Weg zur Toilette frei räumen (TF 2, Matrix Sturz). Beim Abendeinsatz ein Glas Wasser ans Bett, Trinkmenge bis 12.09. im Protokoll erfassen (TF 4, Matrix Ernährung).

Die zweite Fassung nennt Zeitpunkt, Handlung und Herkunft – und greift den Wunsch aus Feld B auf: Frau Krüger traut sich abends zu trinken, wenn der Weg zur Toilette sicher ist.

Wie Sie Maßnahmen formulieren, die im Alltag tragen, zeigt der Beitrag Maßnahmenplan schreiben.

Woran gute Absichten in der Praxis scheitern

Die Fehler beim Ausfüllen der SIS sind selten Wissenslücken. Meistens ist es Zeitdruck, der aus dem O-Ton Fachsprache macht und aus der individuellen Einschätzung einen Textbaustein. Die folgende Übersicht zeigt, woran man die typischen Schwachstellen erkennt.

Typischer FehlerWoran Sie ihn erkennenBesser
Feld B in Fachsprache„Pat. äußert Sturzangst, wünscht Autonomieerhalt“„Vor der Treppe habe ich Angst.“ – wörtlich.
Alles dokumentierenThemenfeld 4 füllt eine halbe Seite mit RoutinenNur Pflegerelevantes und Abweichungen, stichpunktartig.
Risiko ohne Matrix-EintragThemenfeld 2 sagt „nachts unsicher“, Matrix Sturz: neinJeder Hinweis wird in der Matrix beantwortet – ja oder begründet nein.
Maßnahme ohne Herkunft„Dekubitusprophylaxe“ steht im Plan, kein Themenfeld erwähnt HautrisikoMaßnahmen nur dort, wo SIS oder Matrix den Bedarf zeigen.
TextbausteineWortgleiche Einträge in mehreren AktenAus dem Gespräch formulieren; Beispiele nur als Orientierung.

Wie KI das Ausfüllen der SIS beschleunigt

Der größte Zeitfresser ist nicht das Denken, sondern das Tippen und Strukturieren. Dort setzt Pflegeplan KI an: Sabine Lorenz diktiert das Gespräch mit Frau Krüger direkt nach dem Einsatz im Auto in eigenen Worten. Die KI erstellt daraus einen Entwurf für Feld B und die sechs Themenfelder, schlägt die Matrix-Einschätzung samt Begründung vor und formuliert Maßnahmen nach den W-Fragen. Jeder Vorschlag bleibt prüfbar und wird erst nach ihrer fachlichen Freigabe übernommen. Wie das im Detail funktioniert, erklärt der Beitrag SIS mit KI schreiben.

Häufige Fragen

Wer darf die SIS ausfüllen?
Die SIS füllt eine Pflegefachkraft aus. Die Erhebung des Pflegebedarfs sowie die Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses sind nach § 4 Pflegeberufegesetz Pflegefachpersonen vorbehalten. Hilfskräfte und Auszubildende dürfen Beobachtungen beitragen – die Einschätzung in den Themenfeldern und der Matrix und die Freigabe bleiben bei der Fachkraft.
Wie lange dauert das Ausfüllen einer SIS?
Das Gespräch und die Dokumentation dauern je nach Komplexität und Routine erfahrungsgemäß 30 bis 60 Minuten. Als Zeitrahmen für den Abschluss der SIS empfehlen die EinSTEP-Unterlagen in der Regel sieben Tage nach Einzug bzw. Versorgungsbeginn. Mit Spracheingabe und KI-Unterstützung sinkt vor allem der reine Schreibaufwand.
Was gehört in Feld B (die Eingangsfrage)?
In Feld B steht die persönliche Sichtweise der pflegebedürftigen Person, möglichst im O-Ton. Die Eingangsfrage lautet: Was bewegt Sie im Augenblick? Was brauchen Sie? Was können wir für Sie tun? Pflegefachliche Wertungen gehören nicht hierher, sondern in die sechs Themenfelder (Feld C1).
Gibt es eine fertige Muster-SIS zum Übernehmen?
Eine Muster-SIS zum 1:1-Übernehmen gibt es bewusst nicht, weil jede SIS individuell auf die Person bezogen sein muss. Die EinSTEP-Unterlagen bezeichnen vorgefertigte Textbausteine als unbedingt zu vermeiden. Die offiziellen Blanko-Bögen stehen kostenlos auf ein-step.de bereit; Beispielformulierungen dürfen als Orientierung dienen.
Muss ich alle sechs Themenfelder ausfüllen?
Ja, alle Themenfelder werden aktiv genutzt. Ist ein Themenfeld im Einzelfall nicht relevant oder konnte es wegen einer besonderen Situation nicht angesprochen werden, wird das kurz vermerkt statt das Feld leer zu lassen.
Worin unterscheiden sich SIS und Maßnahmenplan?
Die SIS sammelt und bewertet Informationen (Ist-Situation, Wünsche, Risiken), der Maßnahmenplan legt darauf aufbauend die konkreten Maßnahmen fest – mit Wer, Was, Wann, Wie oft und Warum. Die SIS ist die Grundlage, der Maßnahmenplan die Umsetzung.

Quellen und weiterführende Dokumente

  • Projektbüro EinSTEP: Informations- und Schulungsunterlagen zum Strukturmodell, Version 3.1 (Februar 2026) – ein-step.de/schulungsunterlagen
  • Projektbüro EinSTEP: Anlage 1a/1b – Funktion der SIS® und Matrix, ambulant und stationär (Version 3.0, 2025)
  • Projektbüro EinSTEP: SIS®-Bögen ambulant, vollstationär, Tagespflege und Kurzzeitpflege (kostenloser Download) – ein-step.de
  • § 4 Pflegeberufegesetz (PflBG) – Vorbehaltene Tätigkeiten: Erhebung und Feststellung des Pflegebedarfs, Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses