Grundlagen · Strukturmodell
Die 6 Themenfelder der SIS: Strukturierte Informationssammlung einfach erklärt
Ein Küchentisch, ein Bogen mit vier Feldern und ein Gespräch, das mit einer einzigen Frage beginnt. Was die SIS ist, wie ihre sechs Themenfelder zusammenspielen und warum sie die klassische Pflegeanamnese abgelöst hat.
Fachredaktion Pflegeplan KIAktualisiert am 04.09.2026 8 Min. Lesezeit
Die SIS (Strukturierte Informationssammlung) ist das Einstiegsdokument der Pflegedokumentation nach dem Strukturmodell. Sie erfasst die pflegerelevanten Informationen einer Person in sechs Themenfeldern – von den kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten bis zur Haushaltsführung bzw. zum Wohnen – und bildet die Grundlage für die Risikoeinschätzung in der Matrix und für den Maßnahmenplan. Sie ersetzt die klassische, oft sehr umfangreiche Pflegeanamnese durch eine fokussierte Sammlung, in deren Mittelpunkt die Sichtweise der pflegebedürftigen Person steht.
Warum es die SIS überhaupt gibt
Über Jahrzehnte war die Pflegedokumentation immer kleinteiliger geworden. Pflegefachkräfte hatten den Eindruck, vor allem für Prüfinstanzen zu schreiben – nicht für die Menschen, die sie versorgen. 2013 ließ das Bundesministerium für Gesundheit deshalb gemeinsam mit Expertinnen aus Praxis, Wissenschaft und Prüfinstanzen das Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation entwickeln. Nach einem erfolgreichen Praxistest startete 2015 das Projektbüro EinSTEP die bundesweite Einführung. Nach Schätzung des Projektbüros arbeiten heute bis zu 80 Prozent der Einrichtungen der Langzeitpflege damit (Stand Dezember 2024).
Die SIS ist dabei nur das erste von vier Elementen. Wer sie versteht, versteht auch, warum der Maßnahmenplan ohne Problem- und Ressourcenspalten auskommt und warum im Berichteblatt nur noch Abweichungen stehen.
Der Bogen: vier Felder, ein Gespräch
Der SIS-Bogen passt auf einen DIN-A4-Bogen mit Vorder- und Rückseite (im Original auch als A3 erhältlich) und besteht aus vier Feldern, die aufeinander aufbauen. Feld A nimmt die allgemeinen Angaben auf: Name, Geburtsdatum, Datum des Gesprächs, ob es ein Erst- oder Folgegespräch war, und das Handzeichen der Pflegefachkraft. In der Software ist das meist automatisch befüllt.
Feld B ist das Herzstück. Hier steht die Sichtweise der pflegebedürftigen Person in ihren eigenen Worten. Die Eingangsfrage lautet: „Was bewegt Sie im Augenblick? Was brauchen Sie? Was können wir für Sie tun?“ Die Antwort wird nicht in Fachsprache übersetzt, sondern möglichst wörtlich festgehalten. Bei Frau Krüger steht dort später (im Auszug): „Ich will morgens in Ruhe frühstücken und so lange wie möglich allein zur Toilette gehen. Vor der Treppe habe ich Angst.“
In Feld C1 folgt die fachliche Einschätzung der Pflegefachkraft, gegliedert in die sechs Themenfelder. Und in Feld C2, der Risikomatrix, zieht sie aus dem Gehörten und Gesehenen eine erste Bilanz: Gibt es Hinweise auf Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz oder ein Ernährungsrisiko?
Merksatz
Feld B gehört der Person, Feld C1 der Pflegefachkraft. Wer beides trennt, hat das Prinzip der SIS bereits verstanden: erst zuhören, dann einschätzen.
Die sechs Themenfelder – und was in jedes gehört
Die Themenfelder sind keine Checkliste, die der Reihe nach abgefragt wird. Sie sind eher sechs Schubladen, in die die Pflegefachkraft das Gehörte sortiert, damit nichts Wichtiges verloren geht. Die Reihenfolge im Gespräch ist frei. Zu jedem Themenfeld gibt es eine verbindliche Leitfrage aus den EinSTEP-Unterlagen – hier verkürzt wiedergegeben, zusammen mit dem, was bei Frau Krüger darin landen würde.
| Themenfeld | Leitfrage (verkürzt) | Bei Frau Krüger |
|---|---|---|
| 1 · Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | Kann sich die Person zeitlich, örtlich und zur Person orientieren, verständigen und Gefahren erkennen? | Orientiert, versteht alles; schätzt die Gefahr auf der Treppe realistisch ein. |
| 2 · Mobilität und Beweglichkeit | Kann sie sich in und außerhalb der Wohnung frei und selbstständig bewegen? | Geht in der Wohnung mit Rollator, Treppe nur mit Begleitung; nachts unsicher. |
| 3 · Krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen | Welche krankheits- und therapiebedingten Einschränkungen sind für Pflege und Betreuung relevant? | Hüft-TEP vor drei Monaten, Schmerzmittel bei Bedarf, Blutdruckmedikation morgens. |
| 4 · Selbstversorgung | Wie weit ist die Fähigkeit zu Körperpflege, Kleiden, Ernährung und Ausscheidung eingeschränkt? | Wäscht sich am Waschbecken selbst, Duschen mit Hilfe; trinkt wenig; Toilettengang selbstständig. |
| 5 · Leben in sozialen Beziehungen | Kann sie Aktivitäten im näheren Umfeld und außerhalb selbst gestalten? | Tochter kommt zweimal wöchentlich, Nachbarin sonntags; Kirchenchor seit der OP nicht mehr. |
| 6 · Haushaltsführung (ambulant) | Kann sie Aktivitäten der Haushaltsführung zu Hause selbst gestalten? | Kocht Kaffee und schmiert Brot selbst; Wocheneinkauf und Wäsche übernimmt die Tochter. |
Eine Besonderheit hat Themenfeld 6: Es ist das einzige, das je Versorgungsform anders heißt. Ambulant fragt es nach der Haushaltsführung, vollstationär nach Wohnen/Häuslichkeit, in der Tagespflege nach dem Erhalt von Alltagsfähigkeiten und Rückzugsbedürfnissen, in der Kurzzeitpflege nach der Wahrung der Individualität während des Aufenthalts und der weiteren Versorgung danach. Warum das so ist und was jeweils hineingehört, erklärt der Beitrag zum Themenfeld 6.
Woher die Themenfelder kommen
Die Themenfelder sind nicht willkürlich gewählt. Sie orientieren sich an den Modulen des Begutachtungsinstruments, mit dem der Medizinische Dienst den Pflegegrad feststellt. Deshalb haben sie einen Wiedererkennungswert, und deshalb legt EinSTEP die Leitfragen verbindlich fest. Die dazugehörigen Leitgedanken – also die Erläuterung, was in der Praxis typischerweise dokumentiert wird – darf jede Einrichtung an ihre Schwerpunkte anpassen. Der Unterschied liegt im Zweck: Das Begutachtungsinstrument misst Selbstständigkeit für den Pflegegrad, die SIS beschreibt die Situation als Grundlage für die Pflege.
Von der SIS zur Matrix zum Maßnahmenplan
Zurück zu Frau Krüger. In Themenfeld 2 steht nun „nachts unsicher, geht ohne Rollator zur Toilette“. Das ist eine Beobachtung. Erst in der Risikomatrix wird daraus eine fachliche Entscheidung: Sturzrisiko ja. Und erst im Maßnahmenplan wird daraus eine Handlung: Nachtlicht im Flur, Rollator ans Bett, Tochter kauft rutschfeste Hausschuhe. Diese Kette – Information, Einschätzung, Maßnahme – ist der rote Faden, und er ist das, was den Medizinischen Dienst bei der Qualitätsprüfung am meisten interessiert.
Themenfeld 2
„nachts unsicher, ohne Rollator“
Matrix
Sturz: ja
Maßnahmenplan
Nachtlicht, Rollator ans Bett
Berichteblatt
nur Abweichungen
Reißt die Kette an einer Stelle, wird die Versorgung schwer begründbar.
Wie die Matrix im Detail funktioniert, lesen Sie in der Anleitung zur Risikomatrix; wie aus einem Risiko eine konkrete Maßnahme wird, im Beitrag Maßnahmenplan schreiben.
Was eine gute SIS auszeichnet
Die EinSTEP-Unterlagen sind an einer Stelle erstaunlich deutlich: Vorgefertigte Textbausteine sind „unbedingt zu vermeiden“, weil sie einer individuellen Situationseinschätzung widersprechen. Was stattdessen zählt, lässt sich an einem Beispiel aus den Schulungsunterlagen zeigen.
Defizitorientiert
Herr Müller kann nicht mehr allein gehen.
Fähigkeitsorientiert
Läuft untergehakt; geht mit Rollator, auch beim Aufstehen und Hinsetzen sicher damit um.
Die zweite Fassung sagt, was die Person kann, ist überprüfbar und verzichtet auf den Namen und ganze Sätze – alles ausdrücklich erwünscht. Beispiel sinngemäß aus den EinSTEP-Schulungsunterlagen.
Dazu kommen drei Dinge: Feld B bleibt im O-Ton der Person. In den Themenfeldern reichen Stichpunkte, ganze Sätze und die Wiederholung des Namens sind nicht nötig. Und jedes Risiko, das in einem Themenfeld anklingt, muss in der Matrix wieder auftauchen. Konkrete Beispielsätze für jedes Themenfeld finden Sie in den SIS-Formulierungshilfen, den kompletten Ablauf in der Schritt-für-Schritt-Anleitung.
Wie unterstützt Pflegeplan KI bei der SIS?
Pflegeplan KI führt strukturiert durch alle sechs Themenfelder. Statt zu tippen, diktiert die Pflegefachkraft das Gespräch mit Frau Krüger in eigenen Worten; die KI ordnet die Inhalte den Themenfeldern zu, formuliert stichpunktartig und fähigkeitsorientiert und schlägt Risikoeinschätzung und Maßnahmen vor. Jede Zuordnung bleibt sichtbar und wird erst nach fachlicher Freigabe übernommen – die Einschätzung bleibt bei der Pflegefachkraft. Mehr dazu im Beitrag SIS mit KI schreiben.
Häufige Fragen
- Wie viele Themenfelder hat die SIS?
- Die SIS umfasst sechs Themenfelder: kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Mobilität und Beweglichkeit, krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen, Selbstversorgung, Leben in sozialen Beziehungen sowie – je nach Versorgungsform – Haushaltsführung (ambulant) bzw. Wohnen/Häuslichkeit (vollstationär).
- Was ist das Themenfeld 6 der SIS?
- Themenfeld 6 ist das einzige Themenfeld, das je Versorgungsform anders heißt: ambulant „Haushaltsführung“, vollstationär „Wohnen/Häuslichkeit“, in der Tagespflege „Erhalt/Förderung von Alltagsfähigkeiten bzw. Sicherstellung von Rückzugsbedürfnissen“ und in der Kurzzeitpflege „Wahrung der Individualität während des Aufenthaltes / Erste Einschätzung zur weiteren Versorgung nach der Kurzzeitpflege“.
- Ersetzt die SIS die Pflegeanamnese?
- Ja. Im Strukturmodell tritt die SIS an die Stelle der klassischen, oft sehr umfangreichen Pflegeanamnese. Sie ist bewusst schlanker aufgebaut und stellt die Sichtweise der pflegebedürftigen Person in den Mittelpunkt. Probleme, Ressourcen und die pflegerische Absicht stehen in der SIS und müssen im Maßnahmenplan nicht erneut aufgeführt werden.
- Ist die SIS gesetzlich vorgeschrieben?
- Nein. Die Pflicht zur Pflegedokumentation ergibt sich aus dem SGB XI und den Maßstäben und Grundsätzen zur Qualität, nicht aus einem bestimmten Formular. Das Strukturmodell mit der SIS ist ein Konzept, das sich in der ambulanten und stationären Langzeitpflege als Standard etabliert hat; Einrichtungen dürfen den Pflegeprozess auch nach anderen Modellen ausrichten.
- Wann muss die SIS fertig sein?
- Die EinSTEP-Unterlagen empfehlen, die SIS in der Regel sieben Tage nach Einzug bzw. nach Beginn der ambulanten Versorgung abgeschlossen zu haben. Offene Punkte können in dieser Zeit über befristete Beobachtungen geklärt werden. Das konkrete Vorgehen sollte in einer internen Verfahrensanweisung geregelt sein.
- Wie hängen SIS, Risikomatrix und Maßnahmenplan zusammen?
- Die SIS sammelt die Informationen in den sechs Themenfeldern, die Risikomatrix bewertet darauf aufbauend die pflegesensitiven Risiken, und aus beidem wird der Maßnahmenplan abgeleitet. Dieser rote Faden ist auch das, was der Medizinische Dienst im Fachgespräch nachvollzieht.
Quellen und weiterführende Dokumente
- Projektbüro EinSTEP: Informations- und Schulungsunterlagen zum Strukturmodell, Version 3.1 (Februar 2026) – ein-step.de/schulungsunterlagen
- Projektbüro EinSTEP: Anlage 1a/1b – Funktion der SIS® und Matrix, ambulant und stationär (Version 3.0, 2025)
- Projektbüro EinSTEP: SIS®-Bögen ambulant, vollstationär, Tagespflege und Kurzzeitpflege (kostenloser Download) – ein-step.de
- Medizinischer Dienst (MDS): Hinweise zur Umsetzung des Strukturmodells zur Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation im Kontext von Qualitätsprüfungen (November 2019)