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Anleitung · Risikoeinschätzung

Risikomatrix in der SIS richtig ausfüllen: Anleitung mit Beispielen

Fünf Spalten, zwei Fragen je Risiko und eine Regel, die im Team regelmäßig für Diskussionen sorgt. Wie die Matrix im Feld C2 funktioniert, warum sie Skalen ersetzt und woran der rote Faden am häufigsten reißt.

Fachredaktion Pflegeplan KIAktualisiert am 04.09.2026 9 Min. Lesezeit

Die Risikomatrix der SIS füllen Sie richtig aus, indem Sie nach Abschluss der sechs Themenfelder für jedes pflegesensitive Risiko – Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz und Ernährung – zwei Fragen beantworten: Gibt es in den Themenfeldern Hinweise auf dieses Risiko oder Phänomen (ja/nein)? Und falls ja: Ist eine weitere Einschätzung notwendig (ja/nein)? Die Begründung steht in den Themenfeldern, die Konsequenz im Maßnahmenplan. Ein Phänomen, das die Person selbst gut bewältigt, wird trotzdem mit „ja“ angekreuzt.

Was die Risikomatrix ist – und was sie ersetzt

Die Matrix (in den EinSTEP-Unterlagen schlicht so genannt) ist das Feld C2 des SIS-Bogens: die erste fachliche Einschätzung der Pflegefachkraft zu den Risiken und Phänomenen, die bei Pflegebedürftigkeit am häufigsten vorkommen. Sie ist eine zusammenfassende Befunderhebung zum Abschluss der SIS – kein standardisiertes Assessment-Instrument. Der Medizinische Dienst beschreibt sie als „strukturelle Hilfestellung“, um eine Ersteinschätzung vorzunehmen, ohne dafür bereits ein standardisiertes Instrument zu nutzen. Das entspricht dem Vorgehen der DNQP-Expertenstandards: erst das fachliche Screening, dann gezielt das Assessment.

Darin liegt der Unterschied zur alten Praxis. Früher wurden Braden-Skala, Sturzrisikoskala und Ernährungsscreening routinemäßig für alle ausgefüllt – unabhängig davon, ob ein Anlass bestand. Das Strukturmodell dreht die Reihenfolge um: Die Fachkraft schätzt auf Basis der Themenfelder ein; nur wenn diese Einschätzung es erfordert, folgt ein Assessment. Dass keine Pflicht zu standardisierten Instrumenten besteht, hat der Medizinische Dienst in seinen Hinweisen zum Strukturmodell bestätigt.

So ist die Matrix im Original-Bogen aufgebaut

Beispielhaft ausgefüllte Risikomatrix der SIS (Feld C2) im Original-Aufbau: Spalten Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz, Ernährung und Sonstiges, Zeilen mit den Themenfeldern verschränkt; Sturz, Schmerz und Ernährung sind mit ja angekreuzt, bei Ernährung zusätzlich weitere Einschätzung notwendig
Beispielhaft ausgefüllte Matrix (Feld C2) in Anlehnung an den Original-Bogen der SIS (stationär) nach EinSTEP; ambulant ergänzt um die Kategorie „Beratung“.

Die Überschrift lautet im Original: „Erste fachliche Einschätzung der für die Pflege und Betreuung relevanten Risiken und Phänomene“. Die Spalten sind die Risiken in fester Reihenfolge – Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz, Ernährung – plus „Sonstiges“ für ein individuelles weiteres Risiko oder Phänomen, etwa Hautintegrität oder herausforderndes Verhalten. Die Zeilen sind die Themenfelder 1 bis 5 – Themenfeld 6 (Haushaltsführung bzw. Wohnen) hat im Original-Bogen keine eigene Matrix-Zeile. In jeder Spalte wird angekreuzt: Risiko ja/nein und, falls ja, „weitere Einschätzung notwendig“ ja/nein. Der ambulante Bogen enthält je Spalte zusätzlich die Kategorie „Beratung“: Ist eine Beratung erfolgt, kann sie hier erfasst werden.

Zwei Vorgehensweisen sind zulässig und werden in den Schulungsunterlagen beschrieben. Variante A geht je Themenfeld von links nach rechts: Was sagt Themenfeld 2 zu Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz, Ernährung? Das lenkt den Blick auf Ursachen und Wechselwirkungen innerhalb eines Themenfelds. Variante B geht je Risiko von oben nach unten: Was sagen alle Themenfelder zum Sturz? Das lenkt den Blick auf die Bedeutung eines Risikos über die gesamte Situation. Welche Variante eine Einrichtung nutzt, ist ihr überlassen.

Die Entscheidung je Risiko

Schaubild: Entscheidungsweg in der Risikomatrix je Risiko – Hinweise in den Themenfeldern? Nein: Block beendet. Ja: weitere Einschätzung notwendig? Nein: Informationen reichen für den Maßnahmenplan. Ja: vertiefte Einschätzung im Maßnahmenplan festlegen. Ein selbst bewältigtes Phänomen wird trotzdem mit ja angekreuzt.
Der Entscheidungsweg je Spalte der Matrix. Die Konsequenz aus jedem „ja“ steht im Maßnahmenplan – nicht in der Matrix selbst.

Zurück zu Herrn Mertens und seinen Rückenschmerzen. Die erste Frage lautet nicht „Hat er aktuell Schmerzen?“, sondern „Gibt es in den Themenfeldern Hinweise auf ein Schmerzphänomen?“ Die gibt es – chronische Rückenschmerzen, Medikation. Also: Schmerz ja. Die zweite Frage: Ist eine weitere Einschätzung notwendig? Die Situation ist stabil, er meldet sich bei Bedarf, die Medikation wirkt. Also: weitere Einschätzung nein. Jonas Weber hatte recht.

Ein bestehendes gesundheitliches Phänomen ist unabhängig von der Frage der individuellen Bewältigung oder ob es aktuell eine „Gefahrensituation“ darstellt, zu dokumentieren.
— EinSTEP-Schulungsunterlagen 3.1, Abschnitt zu den fachlichen Entscheidungen in der Matrix

Merksatz

Auch ein gut bewältigtes Phänomen ist ein „ja“. Bewältigt die Person es vollständig selbst, ist im Maßnahmenplan keine Maßnahme nötig – die Bewältigung steht knapp im Themenfeld. Ein „ja“ in der Matrix erzwingt also keine Prophylaxe, sondern Ehrlichkeit über die Befundlage.

Wird „weitere Einschätzung notwendig“ mit ja beantwortet, entscheidet die Fachkraft im nächsten Schritt – bei der Maßnahmenplanung –, wie diese Einschätzung erfolgt: ein gezieltes Assessment, eine befristete Beobachtung mit Evaluationsdatum, ein Trinkprotokoll, die Hinzuziehung einer Fachexpertin. Auch das steht nicht in der Matrix, sondern im Plan.

Drei Beispiele mit rotem Faden

RisikoHinweis im ThemenfeldMatrixKonsequenz im Maßnahmenplan
SturzTF 2: „nachts unsicher, ohne Rollator zur Toilette; Sturz am 22.07.“ (Herr Mertens)ja · weitere Einschätzung: neinNachts: Begleitung anbieten, Nachtlicht an, Rollator rechts am Bett.
Ernährung / FlüssigkeitTF 4: „trinkt nach eigener Angabe unter 1 l täglich, abends bewusst wenig“ (Frau Krüger)ja · weitere Einschätzung: jaTrinkprotokoll bis 12.09.; Getränke in Sichtweite; abends sicherer Weg zur Toilette, damit sie sich zu trinken traut.
SchmerzTF 3: „chronische Rückenschmerzen, mit Medikation aktuell beschwerdefrei, meldet sich bei Bedarf“ (Herr Mertens)ja · weitere Einschätzung: neinKeine eigene Maßnahme nötig; Bedarfsmedikation laut ärztlicher Anordnung. Bei Schmerzäußerung → Berichteblatt und Neubewertung.
Drei Wege durch die Matrix. Nur bei Frau Krüger braucht es eine vertiefte Einschätzung – und ein Evaluationsdatum.

Woran der rote Faden am häufigsten reißt

Die Matrix ist klein, aber sie ist die Stelle, an der der Medizinische Dienst im Fachgespräch am genauesten hinschaut. Denn hier trifft die Fachkraft Entscheidungen, die sich rückwärts (aus den Themenfeldern) und vorwärts (in den Maßnahmenplan) prüfen lassen. Die typischen Brüche:

BruchSo sieht er ausSo vermeiden Sie ihn
Widerspruch zur SISThemenfeld 2 berichtet vom Sturz, Matrix Sturz: neinJeden Hinweis aus den Themenfeldern beantworten – ja oder begründet nein.
„Ja“ ohne KonsequenzMatrix Ernährung: ja, im Plan steht nichts dazuJedes „ja“ braucht eine Maßnahme oder den Vermerk der Eigenbewältigung im Themenfeld.
Skalen-RoutineBraden und Sturzskala für alle, unabhängig von der MatrixAssessments nur, wenn „weitere Einschätzung“ mit ja beantwortet ist.
„Nein“ aus BequemlichkeitStabile Inkontinenz mit eigener Versorgung → nein, „ist ja kein Problem“Phänomen ja ankreuzen, Bewältigung im Themenfeld beschreiben.
Veraltete MatrixSturz vor sechs Wochen, Matrix vom Einzug unverändertNach Ereignissen und Zustandsänderungen neu bewerten.

Die Matrix in der MD-Prüfung

Der Medizinische Dienst bewertet heute die Versorgung der Person und zieht die Dokumentation nur zur Plausibilisierung heran – stationär seit 2019, ambulant seit Juli 2026. Für die Matrix heißt das: Ob sie „richtig oder falsch“ ausgefüllt ist, ist laut den MD-Hinweisen zum Strukturmodell ausdrücklich nicht Gegenstand der Bewertung. Niemand bekommt einen Abzug, weil ein Kreuz fehlt. Aber wenn Herr Mertens gestürzt ist und die Prüferin fragt, wie das Team damit umgeht, muss die Antwort der Fachkraft in der Dokumentation ihren Faden haben – Hinweis im Themenfeld, „ja“ in der Matrix, Maßnahme im Plan. Fehlt die Reaktion auf ein erkanntes Risiko, ist das ein Defizit der Kategorie C. Was die Prüfer sonst noch erwarten, lesen Sie im Beitrag zur MD-Prüfung.

Wie KI die Risikoeinschätzung unterstützt

Das Mühsame an der Matrix ist nicht die Entscheidung, sondern das Suchen: sechs Themenfelder nach Hinweisen auf fünf Risiken durchgehen, für jede Spalte die Begründung finden, nach einem Sturz alles noch einmal. Diese Vorarbeit kann KI leisten. Sie bündelt die Signale – Gangunsicherheit und zurückliegender Sturz aus Themenfeld 2, stehen gelassene Getränke aus Themenfeld 4 –, schlägt je Risiko eine Einschätzung mit Verweis auf die Stelle in der SIS vor und macht Brüche sichtbar: ein Hinweis ohne Matrix-Eintrag, ein „ja“ ohne Maßnahme.

Die Grenze bleibt klar: Die Matrix ist per Definition die erste fachliche Einschätzung der Pflegefachkraft. Ein KI-Vorschlag ersetzt weder diese Bewertung noch die Entscheidung, ob eine vertiefte Einschätzung nötig ist – er macht sie schneller begründbar. Wie das im Alltag aussieht, zeigt der Beitrag KI-Pflegedokumentation im Arbeitsalltag.

Wie Pflegeplan KI bei der Risikoeinschätzung unterstützt

Pflegeplan KI leitet aus den in den Themenfeldern erfassten Informationen Vorschläge für die Matrix ab – je Risiko mit Begründung – und hält den roten Faden bis in den Maßnahmenplan. Jeder Vorschlag bleibt prüfbar und wird erst nach fachlicher Freigabe übernommen. Ob Herr Mertens’ Schmerz ein „ja“ ist, entscheidet Jonas Weber. Die KI sorgt dafür, dass er die Begründung dafür nicht erst zusammensuchen muss.

Häufige Fragen

Welche Risiken werden in der SIS-Risikomatrix eingeschätzt?
Die Matrix umfasst die pflegesensitiven Risiken und Phänomene Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz und Ernährung (einschließlich Flüssigkeitsversorgung) sowie die Spalte „Sonstiges“ für ein individuelles weiteres Risiko oder Phänomen, etwa Hautintegrität oder herausforderndes Verhalten. Der ambulante Bogen enthält zusätzlich je Spalte die Kategorie „Beratung“.
Muss ich zusätzlich Assessments oder Skalen ausfüllen?
Nur, wenn die fachliche Ersteinschätzung ergibt, dass eine weitere Einschätzung notwendig ist. Das Strukturmodell ersetzt die routinemäßige Skalen-Anwendung durch die begründete Einschätzung der Pflegefachkraft; der Medizinische Dienst hat bestätigt, dass keine Pflicht zu standardisierten Instrumenten besteht. Wie die vertiefte Einschätzung erfolgt, wird im Maßnahmenplan festgelegt.
Wird ein Risiko mit „ja“ angekreuzt, wenn die Person es selbst gut bewältigt?
Ja. Nach den EinSTEP-Unterlagen ist ein bestehendes Phänomen unabhängig davon zu dokumentieren, ob es aktuell ein Problem darstellt oder von der Person selbst bewältigt wird. Für den Maßnahmenplan ist dann keine Maßnahme erforderlich; die Bewältigung wird knapp im Themenfeld beschrieben.
Was passiert, wenn ich ein Risiko mit „ja“ bewerte?
Dann braucht es eine nachvollziehbare Begründung aus den Themenfeldern, die Entscheidung, ob eine weitere Einschätzung notwendig ist, und – außer bei vollständiger Eigenbewältigung – eine konkrete Maßnahme im Maßnahmenplan, deren Wirkung im Berichteblatt beobachtet wird.
Wann wird die Matrix ausgefüllt?
Nach Abschluss der sechs Themenfelder, weil sie deren Erkenntnisse zusammenfasst. Zulässig sind zwei Vorgehensweisen: je Themenfeld von links nach rechts (Variante A) oder je Risiko von oben nach unten (Variante B).
Wie oft muss die Risikomatrix aktualisiert werden?
Es gibt keine starre Frist. Die Einschätzung wird anlassbezogen erneuert – bei Zustandsänderungen, nach Ereignissen wie einem Sturz und im Rahmen der Evaluation. Für lange stabile Verläufe legt die Einrichtung intern einen Überprüfungszeitpunkt fest.
Kann KI die Risikoeinschätzung in der SIS übernehmen?
Nein. KI kann Risikosignale aus den Themenfeldern zusammentragen, begründete Einschätzungsvorschläge erstellen und den roten Faden bis zum Maßnahmenplan auf Konsistenz prüfen. Die fachliche Einschätzung in der Matrix, die Entscheidung über vertiefte Assessments und die Verantwortung bleiben bei der Pflegefachkraft.

Quellen und weiterführende Dokumente

  • Projektbüro EinSTEP: Informations- und Schulungsunterlagen zum Strukturmodell, Version 3.1 (Februar 2026) – ein-step.de/schulungsunterlagen
  • Projektbüro EinSTEP: Anlage 1a/1b – Funktion der SIS® und Matrix, ambulant und stationär (Version 3.0, 2025)
  • Medizinischer Dienst (MDS): Hinweise zur Umsetzung des Strukturmodells zur Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation im Kontext von Qualitätsprüfungen (November 2019)
  • Medizinischer Dienst Bund: Fragen und Antworten zum neuen Qualitätsprüfungs- und Prüfsystem für Pflegeheime seit Oktober 2019