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Grundlagen · Themenfelder

Themenfeld 1 der SIS: Kognitive und kommunikative Fähigkeiten – mit Beispielen

Das erste Themenfeld prägt das ganze Gespräch: Wer hier Einschränkungen hat, wird in Feld B anders gehört, in der Matrix anders bewertet und im Maßnahmenplan anders begleitet. Was in Themenfeld 1 gehört, warum die Diagnose Demenz nicht dazuzählt und wo die Grenze zu den Themenfeldern 3 und 5 verläuft.

Fachredaktion Pflegeplan KIVeröffentlicht am 01.11.2026 10 Min. Lesezeit

Themenfeld 1 der SIS heißt „Kognitive und kommunikative Fähigkeiten“ und ist in allen Versorgungsformen gleich. Es beschreibt, inwieweit die pflegebedürftige Person sich zeitlich, örtlich, zur eigenen Person und zur Situation orientieren kann, ob sie versteht und sich mitteilen kann – mündlich oder nonverbal – und ob sie Risiken und Gefahren erkennt. Hierher gehören Orientierung, Gedächtnis, Verstehen und Entscheiden, Hören, Sehen und Sprechen sowie Aspekte herausfordernden Verhaltens. Nicht hierher gehört die Diagnose: „Demenz“ oder „Aphasie“ steht in Themenfeld 3, in Themenfeld 1 steht, was sie im Alltag bedeutet.

Die Leitfrage – und was sie wirklich fragt

Die Leitfrage lautet in den EinSTEP-Unterlagen (verkürzt): „Inwieweit ist die pflegebedürftige Person in der Lage, sich zeitlich, persönlich und örtlich zu orientieren, zu interagieren sowie Risiken und Gefahren zu erkennen?“ Die stationäre Variante ergänzt den Hinweis, dabei auch Aspekte herausfordernden Verhaltens zu beachten. Die Leitfrage ist verbindlich; die Leitgedanken dazu – also was eine Einrichtung typischerweise festhält – darf das Qualitätsmanagement an die eigenen Schwerpunkte anpassen.

Wie alle Themenfelder orientiert sich Themenfeld 1 an den Modulen des Begutachtungsinstruments, mit dem der Medizinische Dienst den Pflegegrad feststellt: an Modul 2 (kognitive und kommunikative Fähigkeiten) und, was das Verhalten betrifft, an Modul 3 (Verhaltensweisen und psychische Problemlagen). Der Zweck ist aber ein anderer. Das Begutachtungsinstrument misst Selbstständigkeit in Punkten; die SIS beschreibt die Situation so, dass daraus Pflege abgeleitet werden kann. „Orientierung zur Zeit: überwiegend nicht vorhanden“ ist ein Gutachten-Satz. „Fragt mehrmals täglich nach dem Wochentag, orientiert sich am Kalenderblatt neben der Tür“ ist ein SIS-Eintrag.

Schaubild: Die fünf Blickwinkel von Themenfeld 1 der SIS – Orientierung (zeitlich, örtlich, zur Person, zur Situation), Gedächtnis und Verstehen, Sinne und Sprache (Hören, Sehen, Sprechen, nonverbal), Risiken und Gefahren erkennen sowie Verhalten und Stimmung; darunter der Weg der Beobachtung in die Risikomatrix (Spalte Sonstiges oder eine der fünf Risikospalten) und in den Maßnahmenplan
Themenfeld 1 in fünf Blickwinkeln. Jede Beobachtung, die ein Risiko andeutet, muss in der Matrix wieder auftauchen – meist in der Spalte „Sonstiges“.

Was in Themenfeld 1 gehört: fünf Blickwinkel

In der Praxis hilft es, das Themenfeld nicht als eine Frage zu lesen, sondern als fünf. Die folgende Übersicht zeigt zu jedem Blickwinkel, worauf die Pflegefachkraft im Gespräch achtet, und wie ein fähigkeitsorientierter Eintrag aussehen kann.

BlickwinkelWorauf Sie achtenBeispiel-Eintrag
OrientierungZeit (Tag, Jahreszeit, Tageszeit), Ort (Zimmer, Wohnung, Weg zum Speisesaal), Person (Angehörige, Pflegende, sich selbst), Situation (warum bin ich hier?)Erkennt Tochter und Bezugspflegekraft; zeitlich nicht orientiert, fragt nach dem Wochentag; findet das Zimmer am roten Türschild.
Gedächtnis und VerstehenKurzzeit- und Langzeitgedächtnis, Aufnehmen von Informationen, Entscheidungen im Alltag, Tagesablauf nachvollziehenErinnert sich an Besuche vom Vortag nicht; erzählt detailreich aus der Zeit als Lehrerin; entscheidet selbst, was sie anzieht.
Sinne und SpracheHören (Hörgerät?), Sehen (Brille?), Sprechen, Wortfindung, Verstehen von Sätzen, nonverbale VerständigungVersteht Fragen vollständig; findet Wörter nicht, hilft sich mit Zeigen; trägt das Hörgerät selbstständig ein.
Risiken und Gefahren erkennenSchätzt die Person eigene Grenzen realistisch ein? Erkennt sie Gefahren bei Herd, Treppe, Straßenverkehr, Medikamenten?Schätzt die Treppe realistisch ein, wartet auf Begleitung; lässt den Herd an (siehe Matrix: Sonstiges).
Verhalten und StimmungUnruhe, Hinlauftendenz, Abwehr bei der Pflege, Ängste, Tagesschwankungen – und was beruhigtAbends unruhig, möchte „zu den Kindern“; beruhigt sich, wenn man sie am Fenster begleitet und von früher spricht.
Fünf Blickwinkel auf Themenfeld 1 mit stichpunktartigen, fähigkeitsorientierten Beispiel-Einträgen.

Der Vergleich zeigt den häufigsten Denkfehler bei Themenfeld 1: Kommunikation und Kognition sind zwei Dinge. Herr Novak ist kognitiv klar, aber kommunikativ eingeschränkt. Frau Albers kann flüssig sprechen, aber nicht mehr sicher einordnen, wo und wann sie ist. Ein Eintrag „Kommunikation eingeschränkt“ wäre bei beiden falsch – und bei beiden aus verschiedenen Gründen.

Wenn die Person nicht selbst Auskunft geben kann

Themenfeld 1 ist das einzige Themenfeld, dessen Inhalt darüber entscheidet, wie das SIS-Gespräch überhaupt geführt werden kann. Bei stark kognitiv eingeschränkten Personen darf die Eingangsfrage stellvertretend mit Angehörigen oder einer rechtlichen Betreuung besprochen werden; das wird im Bogen vermerkt. Feld B bleibt dann im O-Ton dessen, der spricht – ergänzt um das, was die Person selbst äußert, auch wenn es nur Bruchstücke sind. „Ich will nach Hause“ gehört in Feld B, auch wenn die Person seit sechs Wochen im Heim lebt.

Für Feld C1 gilt: Was sich im Gespräch nicht klären lässt, klärt die Beobachtung. Die EinSTEP-Unterlagen sehen dafür den Zeitraum bis zum Abschluss der SIS vor, in der Regel sieben Tage. Gerade bei Orientierung und Verhalten ist das wertvoll, weil beides über den Tag schwankt – Frau Albers ist morgens klarer als abends, und das steht erst nach einer Woche verlässlich im Bogen. Angehörige liefern dazu die Biografie: Was hat die Person früher gemacht, was beruhigt sie, welche Namen und Orte sind vertraut? Diese Informationen münden später in die Grundbotschaft des Maßnahmenplans, die das EinSTEP-Expertengremium umso dringender empfiehlt, je stärker jemand kognitiv eingeschränkt ist.

Abgrenzung: Was gehört in Themenfeld 1 – und was nicht?

Themenfeld 1 hat zwei Nachbarn, mit denen es regelmäßig verwechselt wird: Themenfeld 3 (krankheitsbezogene Anforderungen) und Themenfeld 5 (Leben in sozialen Beziehungen). Die Regel ist einfach: In Themenfeld 1 steht die Fähigkeit – nicht ihre medizinische Ursache und nicht ihre soziale Folge.

Das gehört in Themenfeld 1Das gehört woandershin
Wie sich die Person orientiert, versteht, mitteilt – und was dabei hilft (Türschild, Kalender, Kommunikationstafel)Die Diagnose Demenz, Aphasie, Depression, die Medikation dazu → Themenfeld 3
Ob die Person Gefahren erkennt und eigene Grenzen realistisch einschätztDie fachliche Bewertung des Sturzrisikos → Risikomatrix (Sturz), Hinweis aus Themenfeld 1 und 2
Herausforderndes Verhalten, Unruhe, Abwehr, Hinlauftendenz – und was beruhigtKontakte, Besuche, Teilhabe, Rückzug aus Gruppen → Themenfeld 5
Ob sie versteht, dass sie trinken muss, und daran denktWie viel sie tatsächlich trinkt und isst → Themenfeld 4, Hinweis in die Matrix (Ernährung)
Hören und Sehen als Fähigkeit; ob sie Brille und Hörgerät nutztDie augen- oder HNO-ärztliche Behandlung → Themenfeld 3

Themenfeld 1 und die Risikomatrix

Die Risikomatrix in Feld C2 kennt fünf feste Spalten: Dekubitus, Sturz, Inkontinenz, Schmerz und Ernährung. Eine Spalte „Kognition“ gibt es nicht. Risiken, die in Themenfeld 1 anklingen, gehen deshalb zwei Wege. Entweder sie verstärken ein Risiko in einer der festen Spalten – wer Gefahren nicht einschätzt, hat ein höheres Sturzrisiko; wer vergisst zu trinken, ein Ernährungsrisiko. Oder sie landen in der Spalte Sonstiges, die EinSTEP genau für solche individuellen Phänomene vorsieht: Hinlauftendenz, Selbstgefährdung am Herd, herausforderndes Verhalten. Mehr zum Vorgehen in der Anleitung zur Risikomatrix.

  1. Themenfeld 1

    „hat zweimal das Haus verlassen, findet nicht zurück“

  2. Matrix

    Sonstiges: ja – Hinlauftendenz

  3. Maßnahmenplan

    abends begleiten, Gespräch über früher, Absprache mit Tochter

  4. Berichteblatt

    nur Abweichungen

Ein Risiko, das in Themenfeld 1 steht und in der Matrix fehlt, ist ein klassischer Befund in der Qualitätsprüfung.

Typische Fehler in Themenfeld 1

Der erste Fehler ist die Diagnose als Eintrag: „Demenz“ sagt nichts darüber, ob die Person ihr Zimmer findet. Der zweite ist das Etikett ohne Qualität: „desorientiert“ – zeitlich, örtlich, zur Person, situativ? Alle vier? Immer oder nur abends? Der dritte ist der reine Defizitblick: Themenfeld 1 ist das Feld der Ressourcen, an die Betreuung und Beziehungsgestaltung anknüpfen – die Lehrerinnen-Geschichten von Frau Albers, die Kommunikationstafel von Herrn Novak. Der vierte Fehler ist die Verwechslung von Kommunikation und Kognition. Und der fünfte ist der Textbaustein, der in fünf Akten gleich lautet – die EinSTEP-Unterlagen nennen vorgefertigte Formulierungen „unbedingt zu vermeiden“, und wortgleiche Einträge fallen in der Prüfung auf.

Etikett

Bewohnerin ist dement und desorientiert, Kommunikation eingeschränkt.

Beschreibung

Erkennt Tochter und Bezugspflegekraft, nennt beide beim Namen; zeitlich nicht orientiert, fragt nach dem Wochentag; findet das Zimmer am roten Türschild; versteht kurze Sätze gut; morgens klarer als abends.

Die zweite Fassung nennt die Orientierungsqualität, trennt Verstehen von Sprechen, benennt Ressourcen und Tagesschwankungen – und sie ist überprüfbar. Die Diagnose steht in Themenfeld 3.

Merksatz

Themenfeld 1 fragt nicht „Welche Diagnose hat die Person?“, sondern „Wie findet sie sich zurecht, wie verständigt sie sich – und was hilft ihr dabei?“

Wie Pflegeplan KI bei Themenfeld 1 unterstützt

Pflegeplan KI kennt die Systematik der Themenfelder und sortiert diktierte Inhalte: „Hat Demenz, Donepezil morgens“ landet in Themenfeld 3, „findet ihr Zimmer am roten Türschild, fragt nach dem Wochentag“ in Themenfeld 1. Beobachtungen, die ein Risiko andeuten – das Haus verlassen, der Herd, das Vergessen zu trinken – werden mit Hinweis auf die passende Matrix-Spalte vorgeschlagen. Die Formulierung bleibt stichpunktartig und fähigkeitsorientiert, jede Zuordnung bleibt sichtbar und wird erst nach fachlicher Freigabe übernommen. Weitere Beispielsätze für alle Themenfelder finden Sie in den SIS-Formulierungshilfen, das Gegenstück zu diesem Beitrag im Artikel zu Themenfeld 6.

Häufige Fragen

Wie lautet die Leitfrage zu Themenfeld 1 der SIS?
Verkürzt: „Inwieweit ist die pflegebedürftige Person in der Lage, sich zeitlich, persönlich und örtlich zu orientieren, zu interagieren sowie Risiken und Gefahren zu erkennen?“ In der stationären Variante kommt der Hinweis hinzu, Aspekte herausfordernden Verhaltens zu beachten. Die Leitfrage ist nach EinSTEP verbindlich, die Leitgedanken dazu darf die Einrichtung anpassen.
Was gehört in Themenfeld 1 der SIS?
Orientierung zu Zeit, Ort, Person und Situation; Gedächtnis, Verstehen und Entscheiden; Hören, Sehen und Sprechen einschließlich nonverbaler Verständigung; das Erkennen von Risiken und Gefahren; sowie Verhalten und Stimmung, etwa Unruhe oder Hinlauftendenz – jeweils als Beschreibung der Fähigkeit, nicht als Diagnose.
Gehört die Diagnose Demenz in Themenfeld 1?
Nein. Diagnosen und ihre Behandlung gehören in Themenfeld 3 (krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen). In Themenfeld 1 steht, wie sich die Demenz im Alltag zeigt: ob die Person ihr Zimmer findet, Angehörige erkennt, kurze Sätze versteht und wann sie unruhig wird.
Wie wird die SIS bei Menschen mit Demenz ausgefüllt?
Die Eingangsfrage in Feld B darf stellvertretend mit Angehörigen oder der rechtlichen Betreuung besprochen werden; das wird im Bogen vermerkt. Äußerungen der Person selbst werden trotzdem im O-Ton festgehalten. Für Feld C1 ergänzt die Pflegefachkraft die Beobachtung über die ersten Tage, weil Orientierung und Verhalten über den Tag schwanken.
Wo erscheinen Risiken aus Themenfeld 1 in der Risikomatrix?
Die Matrix hat keine Spalte für Kognition. Risiken aus Themenfeld 1 verstärken entweder eine der festen Spalten – etwa Sturz bei fehlender Gefahreneinschätzung oder Ernährung bei vergessenem Trinken – oder sie werden in der Spalte „Sonstiges“ eingetragen, zum Beispiel Hinlauftendenz oder Selbstgefährdung.
Was ist der Unterschied zwischen Themenfeld 1 und Themenfeld 5?
Themenfeld 1 beschreibt die Fähigkeit, sich zu orientieren und zu verständigen, sowie das Verhalten der Person. Themenfeld 5 (Leben in sozialen Beziehungen) beschreibt, wie sie Kontakte, Besuche und Teilhabe gestaltet. Dass jemand Wörter nicht findet, gehört in Themenfeld 1; dass er deshalb den Stammtisch meidet, in Themenfeld 5.

Quellen und weiterführende Dokumente

  • Projektbüro EinSTEP: Informations- und Schulungsunterlagen zum Strukturmodell, Version 3.1 (Februar 2026) – ein-step.de/schulungsunterlagen
  • Projektbüro EinSTEP: Anlage 1a/1b – Funktion der SIS® und Matrix, ambulant und stationär (Version 3.0, 2025)
  • Projektbüro EinSTEP: SIS®-Bögen ambulant, vollstationär, Tagespflege und Kurzzeitpflege (kostenloser Download) – ein-step.de
  • Medizinischer Dienst (MDS): Hinweise zur Umsetzung des Strukturmodells zur Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation im Kontext von Qualitätsprüfungen (November 2019)